Sternklare Zahnschmerzen - Die CD

ZITAT DES MONATS

Zum Glück wird es nach den stillen Tagen dann auch wieder ein wenig ruhiger.

Karl Valentin (1882-1948)



Kaperung einer Beerdigung

Sep

09.

Ich stehe an der Eingangstür zur Friedhofskapelle. Die etwa 60 Trauergäste haben bereits in der Kapelle Platz genommen. Die Orgel spielt andächtig. Es gilt sich zu verabschieden von einem Endsechziger, der nach schwerer Krankheit nun von seinem Leiden erlöst ist. In zweiter Ehe hatte er eine Frau aus dem Kongo geheiratet. Die in der Kapelle sitzende Trauergemeinde ist nun halb deutsch und halb afrikanisch. Er war evangelisch, sie ist katholisch.

Zwei Minuten vor Beginn der Trauerfeier sehe ich aus der Ferne einen schlanken jungen Afrikaner mit einer schmalen Aktentasche sportlichen Schrittes auf die Kapelle zueilen. Bei mir angekommen, begrüßt er mich freundlich und fragt in fast akzentfreiem Deutsch, ob das hier die Trauerfeier für Herrn XY sei. Ich bejahe das. Darauf sagt er, dass er Father Soundso aus Hierundda sei. Die Witwe hätte ihn gebeten, ob er nicht auch ein Gebet für den verstorbenen Ehemann spreche könne. Er sei ein Freund der Familie und hatte den Verstorbenen auch persönlich gekannt. Ob das nicht möglich sei, das wäre der Witwe ein großer Trost.

Noch eine Minute. Was tun? Es gilt eine rasche Entscheidung zu treffen. Prinzipiell finde ich ja gut, wenn bei Trauerfeiern nicht nur einer spricht. Allerdings bin ich auch ein Freund von Absprachen im Vorfeld. Wiederum sind afrikanische Sitten etwas anders als deutsche. Ich biete ihm an, doch am Grab nach Ablassen des Sarges ein kleines Gebet zu sprechen. Mir erscheint das ein guter Platz zu sein. Er willigt dankend ein, schüttelt mir freudestrahlend die Hand. Dann zieht er aus seiner schmalen Aktentasche in Windeseile eine Albe und stülpt sie sich samt Stola über. Bevor ich auch nur "Ähhh ..." sagen kann, ist er in der Kapelle, schüttelt der Witwe die Hand und steht im vollen Ornat würdevoll vor dem Sarg. Ich nichts wie hinterher. Mir wird zur Gewissheit: Ich bin hier gerade Zeuge der Kaperung einer Beerdigung.

Da man - wie ich finde - schlecht unter den Augen von 60 Trauergästen und der Witwe vor dem Sarg Grundsatzdiskussionen führen kann, entscheide ich mich, die Begrüßung meinerseits etwas improvisierter zu gestalten: Der Verstorbene sei ja eigentlich evangelisch, aber Father Soundso aus Hierundda sei auf Wunsch der Witwe heute auch mit dabei und so weiter und so weiter. Außer ein paar so nicht für den Ablauf einer evangelischen Trauerfeier vorgesehenen lautstarken liturgischen Einwürfen seitens Father Soundso aus Hierundda verläuft die Trauerfeier in der Kapelle halbwegs geplant. Zum Abschluss gehen Father Soundso aus Hierundda und ich Seite an Seite hinter dem Sarg aus der Kapelle. Auf dem Weg zum Grab fragt er mich noch einmal, ob er jetzt das Gebet sprechen dürfe. Ich flüstere ihm zu, dass ich ihm ein Zeichen gebe.

Am Grab angekommen, spreche ich meine tröstenden Worte, der Sarg wird abgelassen. Dann nicke ich Father Soundso aus Hierundda zu. Zeit für das Gebet. Er tritt an das Grab. Er spricht einen liturgischen Gruß und legt dann los. Wie traurig es sei, hier am Grab zu stehen. Der Tod ist gemein. Aber wir Christen haben ja schließlich eine Hoffnung und einen Glauben. Und den beginnt er dann wort- und gestenreich zu entfalten. Schon nach den ersten Sätzen denke ich mir: Ein Gebet geht für mich irgendwie anders. Aber engagiert kommt er mehr und mehr in Fahrt. Mit großen Gesten wird die Kraft der Auferstehung gepriesen. Und Gottes Liebe, die auch durch den Tod hindurch trägt. Zumindest für den deutschen Part der Trauergemeinde ist diese zweite Predigt vor dem offenen Grab etwas ungewohnt. Und das große Gestikulieren auch. Aber manchmal verfliegt Traurigkeit ja auch durch Überraschung.

Nach gefühlt unendlichen Minuten erlaube ich mir, Father Soundso aus Hierundda dezent ein Zeichen zu geben und schaffe es auch ihm zu signalisieren: Father, das Gebet! Er versteht dankenswerter Weise den Wink und schließt auch seinen begonnenen Gedanken ab. Uff - geschafft, denke ich mir. Dann aber höre ich ihn sagen: Und damit das alle hier auch verstehen, auch die nicht so gut Deutsch können, will ich das auch noch einmal klar und deutlich auf Französisch sagen und macht in gleicher Weise auf Französisch weiter. Ein verbales Einhaken meinerseits ist unmöglich. Ich blicke zum Himmel - und kapituliere. Zum Glück regnet es nicht. Dann aber höre ich irgendwann - jetzt wieder auf Deutsch - den Satz: Lasst uns beten! Alle falten die Hände. Father Soundso aus Hierundda spricht ein kurzes Gebet, alle sagen: AMEN. Er verneigt sich vor dem Grab, tritt beiseite und bittet mich mit einer freundlichen Geste, doch mit der Trauerfeier fortzufahren. Was ich auch tue. Wobei es nicht mehr wirklich viel zu sagen gibt ...

Nachdem sich alle Trauergäste mit Ehrerbietung am offenen Grab verabschiedet haben, wendet sich Father Soundso aus Hierundda an mich und bedankt sich herzlich. Wie schön es doch sei, wenn Ökumene so unkompliziert funktioniere. Er zieht Albe und Stola aus, verpackt sie in seine schmale Aktentasche und zieht von dannen.

Und ich denke mir: Wenn ich mal gar nichts zu tun habe oder Langeweile verspüre, dann kapere ich auch einmal mit dieser Masche eine katholische Beerdigung.



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