Sternklare Zahnschmerzen - Die CD

ZITAT DES MONATS

In unserer Gesellschaft stehen Anständigen und Spitzbuben die gleichen Wege offen – allerdings mit einem Unterschied: Die Spitzbuben bedienen sich zusätzlich gewisser Wege, die der Anständige scheut. So kommt es zu einer ständigen Anreicherung der höheren Gesellschaft mit Schurken.

Hermann Oberth (1894-1989)



Verbatim eines Privatseelsorgers

Nov

30.

Während meiner Seelsorgeausbildung habe ich mich manches Mal gefragt, ob sich bei einigen der zu besprechenden Gesprächsprotokolle - sogenannte Verbatims - nicht Dichtung und Wahrheit ein wenig mischen.

Das hier niedergeschriebene Verbatim entstand im Oktober 1998. Morgens war ich in Bad-Kreuznachs Krankenhäusern unterwegs, nachmittags wurden in der Gruppe Verbatims besprochen, abends las ich zu dieser Zeit bevorzugt Philipp-Marlowe-Krimis von Raymond Chandler. Es gibt Menschen, die sagen, dass man meine Abendlektüre diesem Verbatim anmerkt.

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Dame, ca. 30 Jahre alt, Erstgespräch, Dauer: 20 Min

Ich drückte meine Lucky-Strike in einem Aschenbecher aus, in dem Ludwig Erhard schon seine Zigarren ausgedrückt haben könnte. Ich blickte auf die Uhr. Es war zwanzig vor fünf. Auf dem Flur huschten einige Gestalten in ihren Bademänteln herum. Ein Mann in einem selten hässlichen Pyjama versuchte, aus einem Sessel aufzustehen. Ein Geruch zwischen Griessbrei und Desinfektionsmittel lag in der Luft. Das schale Licht der Neonröhren vermittelte den Charme eines Autobahntunnels.
Ich ging den Flur entlang bis zum Schwesternzimmer. Weit und breit war kein blonder Engel zu sehen. Im Schwesternzimmer standen auf einem Regal Unmengen von Fläschchen und Pillendöschen, die bei Bedarf das Leben leichter machen sollen. Eine vertrocknete Primel auf dem Tisch sollte wohl den Eindruck von Natürlichkeit und Zuhause vermitteln. An der Wand fand ich eine Patiententafel. Zimmer 276, mittleres Bett. Mrs. X war also noch da.

Ich ging den Gang entlang. Am vorletzten Zimmer lächelte mich ein vergilbtes Schild mit der Nummer 276 an. Ich öffnete nach einem beherzten Klopfen die Tür, trat ein, schloss die Tür wieder und ging an der Nasszelle vorbei in das Zimmer. Von den drei Betten war nur das mittlere belegt. Ein Hauch von süßlichem Parfüm lag in der Luft. Über den Rand einer Modezeitschrift blickte mich eine Reinkarnation von Ingrid Bergmann an. Als sie erkannte, dass ich keine Schwester war, ließ sie die Zeitschrift in ihren Schoß fallen. Erst jetzt sah ich komplett ihr gepflegt gestyltes Haar und ihr feinlinig makelloses Gesicht, das sich auch gut in dem vor ihr liegenden Hochglanzmagazin gemacht hätte. Das Kopfteil 60 Grad angewinkelt lag sie im Bett, die Decke bis unter den Rippenbogen hochgezogen. Von allen Schlafanzügen, die mir bis dato in Krankenhäusern begegnet waren, trug sie zweifelsohne den Raffiniertesten.


S1: Mrs. X?
G1: Ja ... (und setzte ein bezaubernd fragendes Lächeln auf.)

S2: Prößdorf heiße ich. (Ich reichte ihr meine Karte. Sie nahm sie genüsslich zwischen ihre lackierten Fingernägel und blickte kurz darauf, bevor sie mir einen entzückenden Augenaufschlag schenkte.)
G2: Privat-Seelsorger ... Was kann ich für Sie tun, Mr. Prößdorf?

S3: Mal sehen, wie´s Ihnen geht. Ich darf mich setzen?
G3: Aber bitte ... (ich nahm mir einen dieser klobig gebogenen Pressholzstühle und setzte sich mich zu ihr ans Bett. Sie hatte mittlerweile ihre Zeitschrift auf den Nachtisch gelegt und angelte sich aus einem Silberetui eine Zigarette.)
Auch eine?

S4: Jetzt nicht.
G4: Aber Feuer können Sie mir geben? (Ich zog mein Benzinfeuerzeug, klappte es auf und gab ihr Feuer. Sie tat einen Zug und sog ihn genüsslich in sich hinein. Ein Hauch ihres karminroter Lippenstiftes ummantelte die Zigarettenspitze, die sie prüfend betrachtete. Sie blies mir den Rauch ins Gesicht.)
Es ist zwar verboten, aber man kann ja nicht auf alles verzichten, stimmt's Mr. Prößdorf? (Sie sah mir geradeaus in die Augen, während ich versuchte, auf dem klobig gebogenen Pressholzstuhl irgendeine Sitzhaltung zu finden, bei der ich nicht nach 20 Minuten zum Orthopäden musste. Ich sagte nichts, sah sie nur sekttrocken an.)
Sie kommen bestimmt wegen der letzte Woche vorgefallenen Sache ... Alles, was ich weiß, habe ich schon den Ärzten gesagt. Von denen waren schon drei hier. Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen - ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen.

S5: Mrs. X, es gibt da einige Dinge, die mir noch nicht ganz klar sind ...
G5: So? (Sie schaute mich mit einem Blick an, als wenn ich ihr gesagt hätte, dass alle 5-Mark-Stücke ab morgen nicht mehr rund, sondern eckig sind.)

S6: Wegen letzter Woche ... Drei Ärzte waren hier, sagten Sie? (Ich versuchte, die besten Spiegeleier zu servieren, die meine Mutter mich für Notzeiten zu fabrizieren gelehrt hatte.)
G6: O.K., Sie haben recht. (Sie drückte die nur halb gerauchte Zigarette in einem leeren Pillenbecherchen aus und stellte diesen in die Nachttischschublade.) Es waren nur zwei Ärzte hier; der dritte war in der Notaufnahme. Irgend so ein Dr. Ganzbesonders. Der gab mir nur 'ne Injektion und fummelte mir an Hals und Nacken 'rum. Morgens stand hier ein zweiter Doc auf der Matte. Er hielt einen Vortrag über Schlaftabletten und Aufputschmittel ... (Sie hielt eine Sekunde inne; dann blickte sie mich stirnrunzelnd an) Was fällt Ihnen eigentlich zum Stichwort "Valium" ein, Mr. Prößdorf?

S7: Eine Menge. Den Storys fehlt aber leider das Happy-End.
G7: Schade. Der dritte Doc war eine "Sie". Klein und blass, falls Sie das interessiert. Auch sie wollte mir nicht glauben, dass ich beim Marmelade-Einmachen einen Schwindelanfall bekommen hab. Heutzutage glaubt eben keiner keinem mehr etwas ... Mögen Sie eigentlich Erdbeermarmelade? (Sie setzte ein Gelierzucker-Lächeln auf.)

S8: Nur auf Zwiebelkuchen. (Ihr Lächeln löste sich auf wie ein Würfelzucker im Tee.)
G8: Sie sind gemein, Mr. Prößdorf. Sie sollten meine Marmelade erst probiert haben, bevor sie sich endgültig festlegen ...

S9: Wegen Ihrer Erdbeermarmelade sind Sie aber nun ja nicht hier, oder? (Es entstand eine Pause, in der das perfide Knirschen eines ungelöste Konfliktes sich leise an mein Ohr heranpirschte.)
G9: Ich kann es mir nicht erklären, wie das Zeug in meinen Körper gekommen ist. (Sie faltete ihre Hände engelhaft auf ihrem Bauch.) Na gut, ich schmecke meine Marmelade schon mit einem "Napoleon VSPO" ab, den man auch natürlich auf seine Reife testen muss ... (Sie ließ den Satz im Raum verhallen, mein Einverständnis voraussetzend.)

S10: Keine Theorie? (Sie ließ mich mit einem entzückenden Lass-mich-bitte-damit-in-Ruhe Lächeln auflaufen und ließ ihren Blick beleidigt zum Fenster schweifen. In diesem Moment klopfte es. Eine Schwester Marke Mollig betrat mit einem Blutdruckmessgerät das Zimmer. Mit der grazienhaften Eleganz eines Elefanten schwebte sie Mrs. X entgegen, schnallte ihr das Gerät an den Arm und pumpte es so sensibel auf, dass das entzückende Gesicht von Mrs. X erhebliche Kräuseln bekam. Die Schwester moserte noch etwas über die vielen Raucher im Flur, dass der Rauch jetzt sogar bis in die Zimmer ziehe, klemmte das Gerät unter die Achsel und war verschwunden. Mrs. X sah mich jetzt wieder an.)
G10: Wo waren wir gleich stehen geblieben? (Ich entschied mich, das Gespräch ein wenig nachzuwürzen und noch einmal bei ihrer Erdbeermarmelade einzuhaken, da hier ein nicht geklärtes Problem geradezu mit Silvesterraketen auf sich aufmerksam machte.)

S11: Also Schätzchen, nun wollen wir mal Klartext reden. Erdbeermarmelade mit Valium - finden Sie, das passt zusammen ... ?
G11: Aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass mir schwindelig geworden ist und im Rezept meiner Großmutter ...

S12: Weichen Sie nicht aus ... (Ich rutschte auf die vorderste Kante dieses unseligen Pressholzstuhls vor und blickte Mrs. X sahnesteif in die Augen. In ihren smaragdgrünen Augen wurde es etwas feuchter.)
G12: Ich ... Ich .. Ich kann doch auch nichts dafür ... Dieser Schuft ... Ausgenutzt hat er mich ... (Wie der Nil sich ins Mittelmeer schlängelt, so schlängelten sich einige Tränchen ihre rosige Wangen hinunter) Erst heiratet er mich und verspricht mir ein Leben in roten Rosen und dann ... dann zwingt er mich zum Staubsaugen, Putzen, Backen und Bügeln ... und dann soll ich ihm auch noch ständig seine Erdbeermarmelade kochen. Wissen Sie eigentlich, was das für eine Demütigung ist für eine Frau wie mich - Erdbeermarmelade kochen? (Ich reichte ihr mein Taschentuch, mit dem sie sich die Restfeuchtigkeit aus ihren Augen tupfte.) Eine Frau wie ich hat andere Sehnsüchte, Mr. Prößdorf ... (Sie schaute mich mit ihrem leicht geöffneten karminroten Erdbeermund an. Das schwarze Loch im Sternbild Jungfrau wird niemals die Anziehungskraft erreichen, die das schwarze Glitzern ihrer Pupillen jetzt hatte.)

S13: Verstehe, Mrs. X ...
G13: Erdbeermarmelade - das kam mir so sinnlos vor, so geschmacklos, so nichtssagend ... (Sie hatte sich jetzt wieder voll im Griff und schaute mich bedeutungsschwanger an.) Eins ist mir in den letzten Tagen klar geworden ...

S14: Nämlich?
G14: Ich brauche keinen Konfitüren-Experten ... (Sie beugte sich vor und reichte mir aufreizend langsam das Taschentuch zurück. Ich nahm es und steckte es ohne sie aus den Augen zu lassen wieder in meine Hosentasche.)
Sie sind ein Wurst-Typ, stimmt's?

S15: Sie scheinen Hellseher zu sein ...
G15: Für manche Dinge habe ich ein Gefühl ... (Sie ließ die fast gehauchten Worte im Raum stehen. Irgendwo war zwischen unseren Köpfen ein unsichtbares Gummiband gespannt, das unsere Gesichter immer näher aneinander zog.)

S16: Ehrlich ... ?
G16: Ehrlich ... (Ich verspürte Lust, Lust auf einen Drink. Das Knistern im Raum war ungefähr so dezent wie Maiskörner, die im Kochtopf zu Popcorn explodieren. Ich entschied mich, diese Atmosphäre zwischen uns auszuhalten ...
Die Zeit blieb stehen. Ich hörte zwar, dass einige Glocken kräftig zu läuten begannen, bemerkte aber eben so wenig wie Mrs. X, dass es noch eine ziemlich wesentliche Veränderung im Raum gab: denn plötzlich stand Schwester Mollig [im folgenden mit "Grr" abgekürzt] mit einem Tablett in der Hand direkt neben mir.)

Grr1: So, Mrs. X - das Abendessen. Und Sie, junger Mann, wissen ja, dass um fünf die Besuchszeit endet. Mrs. X braucht Ruhe und das soll sie hier auch kriegen. (In diesem Augenblick spürte ich, dass meine 45ger Magnum zwischen meinem Jackett und meinem Hemd scheuerte; ich beschloss, das Kratzen zu ignorieren. Mrs. X ließ sich in ihr Kopfkissen zurückfallen und strich sich ihren raffinierten Schlafanzug glatt.)

G17: Werden Sie mich noch einmal besuchen, Mr. Prößdorf?
S17: Schon möglich. (Ich stand auf und stellte das Pressholzetwas wieder an die Wand zurück.) Mrs. X ... (Ich nickte kurz und zog die rechte Augenbraue hoch, bevor Schwester Mollig mich abführte.)

G18: Auf Wiedersehen, Mr. Prößdorf.



Ich verließ das Zimmer und mir war klar, dass mein Job als Privat-Seelsorger in diesem Fall noch nicht beendet war. Es sind noch Fragen offen, so z.B., welche Rolle die Knalltüte von Ehemann im Leben von Mrs. X spielt. Auch wenn Mrs. X eine hundsmiserable Lügnerin ist, wirkt sie doch auf ihre Art unzweifelhaft liebenswürdig. Gezögert habe ich am Ende des Gespräches, ob ich dem Kratzen unter meiner Achsel stärkere Aufmerksamkeit hätte schenken sollen. Ein Zweitbesuch bei Mrs. X ist vorgesehen, da sie verspricht reichhaltiges Anschauungsmaterial für eine nachgehende Seelsorge zu bieten.



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