Sternklare Zahnschmerzen - Die CD

ZITAT DES MONATS

Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.

Mark Twain (1835-1910)



Kaninchen unterm Sarg

Apr

10.

Eine Trauerfeier in der Kapelle ist oft sehr bewegend. Der emotionale Augenblick ist allerdings meistens am Grab, wenn die Urne oder der Sarg hinabgelassen werden. In diesem Moment wird die Endgültigkeit den Angehörigen noch einmal besonders schmerzlich bewusst. Umso irritierender, wenn diese Endgültigkeit in Frage gestellt wird.

Bei einer Beerdigung eines Kollegen wurde, nachdem der Trauerzug am Grab angekommen war, der Sarg wie vorgesehen in die Erde gelassen. Das war soweit normal. Nicht normal war, dass aus dem Grab nun für die Sargträger und für die nahe genug am offenen Grab stehenden ein deutliches schlagendes Kratzen auf Holz zu hören. Ritsch-ritsch-ritsch. Die Angehörigen bekamen einen halben Herzinfarkt. Es gab Zeiten, in denen man den Verstorbenen ein Totenglöckchen in den Sarg gelegt hat, damit sie - wenn sie fälschlicherweise lebend begraben wurden - auf sich aufmerksam machen konnten. Aber diese Sitte gibt es hierzulande schon lange nicht mehr. Und statt eines Glöckchens war nur das dumpfe Kratzen und Scharben auf Holz zu hören. Ritsch-ritsch-ritsch. Nachdem die Schockstarre überwunden war, entschloss man sich, den Sarg wieder aus dem Grab zu ziehen. Nicht wenige waren leichenblass. Den Sargträgern stand zusätzlich der kalte Schweiß auf der Stirn. Denn das Herablassen eines Sarges ist eine Sache. Das Heraufziehen eines Sarges eine andere.

Als der Sarg nun wieder aus dem Grab gezogen war, erklärte sich die plötzliche Lebendigkeit: Unten in die Grube hatte sich ein Kaninchen verirrt. Weiß der liebe Gott, wie das dort hinein gekommen ist. Auf jeden Fall wehrte es sich - aus seiner Sicht verständlich - vehement und eben mit entsprechenden Kratzen gegen diese Doppelnutzung seiner Grube. Statt der Öffnung des Sarges erlebte die Trauergemeinde nun, wie ein Friedhofsmitarbeiter in die Grube kletterte und das Kaninchen hinaus beförderte. Anschließend wurde die Bestattung ordnungsgemäß beendet: Asche zu Asche, Staub zu Staub, geht hin in Frieden!

Beim anschließenden Reue-Essen war für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. Wer eine solche Beisetzung erlebt hat, hat auf jeden Fall immer - mit Faszinosum und Tremendum - eine schaurig schöne Geschichte zu erzählen.



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